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Walter Josephi,
- "Ein vergessenes mecklenburger Landschloß",
- Heimathefte Mecklenburg, 1915
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Trotz aller Denkmalverzeichnisse, trotz aller landeskundlichen Forschungen kann man in unsrer Heimat noch Entdeckungen machen. Ein bedeutendes Landschloß gibt es, von dem nicht nur Schlies umfangreiches Denkmälerwerk, sondern auch die 78 Bände des Mecklenburgischen Geschichtsvereins schweigen: Schloß Plüschow im lieblichen Grevesmühlener Land. Ein recht bescheidenes kleines Herrenhaus war es, idyllisch in hügeliger Gegend an einem See gelegen, das Philipp Heinrich Stenglin, der reiche Hamburger Handelsherr, vorfand, als er im Jahr 1758 die acht Güter der Vogtei Plüschow erwarb und auf dem Hauptgute sich und seiner Gemahlin Antoinette, der Tochter des Hamburger Ersten Bürgermeisters Conrad Wiedow, einen Sommersitz einrichtete. Schwere Schicksalsschläge brachte über ihn und sein einst so blühendes Handelshaus der Siebenjährige Krieg, und dennoch konnte er noch im Jahre 1763 die für damalige Verhältnisse riesenhafte Summe von 80 000 Reichstalern auf die Erbauung eines Heims verwenden, das seines und seiner Gemahlin Ranges und Stand würdig wäre. Die weiteren Schicksale des Schlosses sind einfach. Im Jahre 1766, also 3 Jahre nach der Erbauung des Schlosses, machte Philipp Heinrich Freiherr von Stenglin aus den Plüschower Gütern ein Familien-Fideikommiß, das er aber schon im folgenden Jahre aus unbekannten Gründen wieder aufhob. So kam es, daß sein ältester Sohn Conrad Philipp 1802 den ausgedehnten Besitz an den damaligen mecklenburgischen Erbprinzen Friedrich Ludwig weiter veräußern konnte. (Vergl. Alexandra Freiin von Stenglin, Aufzeichnungen der Familie Stenglin, S. 43) Seitdem gehört das Gut zu den Besitzungen der landesfürstlichen Familie, und das Schloß wird heute von dem Pächter des Großherzoglichen Haushaltsgutes Plüschow bewohnt. Wenngleich der große See, der sich unmittelbar hinter dem Schloß befand, in neuerer Zeit aus landwirtschaftlichen Gründen abgelassen und zu einem Wiesengrund umgewandelt worden ist, ist die Lage des Schlosses doch noch immer eine außergewöhnlich schöne. Weithin streift der Blick über die Wiesen und waldigen Höhen; eine echt mecklenburgische Gegend, ersteht beim Blick aus den Fenstern des hochaufragenden Schlosses. Es war ein feinsinniger Gedanke des doch vom Hamburger Luxus umgebenden Philipp Heinrich von Stenglin, würdig seines Großvaters, des kunstfreudigen Sammlers Max Friedrich (Familiengeschichte S.26 und 28), sich inmitten der friedlichen mecklenburgischen Landschaft nicht etwa ein prächtiges Stadtschloß zu erbauen, sondern sich in Plüschow mit feinem Verständnis für den künstlerischen Einklang von Haus und Umgebung einen echt mecklenburgischen Landsitz zu schaffen, ein Bauwerk, das in geradezu vorbildlicher Weise der Eigenart des umliegenden Erdenflecks gerecht wird. Es ist ein richtiges mecklenburgisches Herrenhaus, lang hingestreckt in einfachkräftigen Umrißlinien und bekrönt von stattlich sich auftürmendem Dach. Die ruhig gelagerten beiden Stockwerke mit ihren großen, in Stichbögen abschließenden Fenstern sind symmetrisch durch schlichte Wandflächen von verschiedener Breite gegliedert, und ein dreifenstriges Giebelgeschoß mit einer Schloßuhr im Scheitelpunkt gibt dem ganzen seinen monumentalen Ausdruck. Die Schauseite liegt nach altmecklenburgischer Überlieferung nach dem Wirtschaftshofe, dessen Rechteck stattliche Scheunen und Ställe bilden, und ein prächtiges Portal, reich mit Rokoko-Muschelwerk verziert, ladet gastfrei ein zum Besuche des vornehmen Gutshauses. Und im Innern: welch eine Weiträumigkeit in diesem Hause! Durch beide Stockwerke ziehen sich lange breite Gänge, an den Decken reich mit Rokoko-Muschelwerk in frei gearbeitetem Stuck verziert. Alle Zimmer öffnen sich mit Flügeltüren und jede dieser Türen ist mit bizarr ersonnenen messingenen Schlüsselschilden geschmückt. Wohl der reizvollste teil dieses Landschlosses ist aber die große doppelarmige Treppe. Mit echt ländlicher Raumverschwendung nimmt sie den rückwärtigen Teil des Mittelbaues ein und belehrt uns in einer dem heutigen Schönheitssinn eng verwandten Weise, mit wie einfachen Mitteln eine edle Raumwirkung erzielt werden kann, wenn wirklich künstlerisches Können einen Raum gestaltet. Die lange Zeit, die vergangen, seit das Schloß zu Plüschow für ein reiches gesellschaftliches Leben den Rahmen bot, hat dem vornehmen Charakter des Ganzen mancherlei Abbruch getan; dahin ist das glänzende Leben, das einst die schönen Räume erfüllte, dahin sind die wertvollen Ausstattungsstücke, mit denen einst Reichtum und feinsinnige Kunstfreunde die Zimmer und Säle schmückte. Nur noch wenige Reste zeugen von verschwundener Rokokoherrlichkeit. Vor allem sind hier die Stukkaturen zu nennen, die die Decken zieren und noch heute Zeugnis ablegen von dem feinen Geschmack des Bauherrn und dem meisterhaften Können seiner Kunsthandwerker. Ein außergewöhnlich feiner Sinn hat das Rokokomuschelwerk geschaffen, das die Mitten der Zimmerdecken schmückt und sich in bizarrer, aber immer schöner Linienführung den Hohlkehlen einschmiegt. Auch der Humor kommt hier nicht zu kurz, denn allerlei Getier wie Schnecken, Schmetterlinge und Vögel, ja sogar Spinnwebe, müssen sich in anscheinend willkürlicher und doch wohldurchdachter Anordnung dem Ornament einfügen. Hie und da sind die Wände mit derbem Stoff bespannt, auf dem mit matten Leimfarben üppige Szenen aus dem Gesellschaftsleben des Rokokozeitalters dargestellt sind. Augenscheinlich sollten kostbare Wirkarbeiten vorgetäuscht werden. Daneben aber: welch ein Gegensatz! Gegenüber dieser rauschenden Fülle von Formen und Farben und, wenn man an die Darstellungen auf den gobelinartigen Wandbekleidungen denkt, von üppigstem gesellschaftlichen Leben, wirken die vielen monumentalen Öfen wie Gebilde aus einer ganz anderen Welt. Mit ihnen ist in das entlegenen mecklenburgische Landschloß der Geschmack des französischen Kaiserreichs eingezogen, die kühle und abgeklärte Formenwelt des Klassizismus. Erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts werden diese Öfen entstanden sein, vielleicht gar erst um 1810, als der vielgereiste und kenntnisreiche Erbprinz Friedrich Ludwig, der fürstliche Diplomat, hier sich sein Heim geschaffen hatte. Der wirkungsvollste dieser Öfen steht im Festsaal des Schlosses, der noch heute ganz so erhalten ist, wie ihn einst fürstlicher Geschmack gestaltete. Einfache Papiertapeten mit farbenarmer klassizistischer Musterung bedecken die Wände, aber sechs große, in bunten Farben gemalte Architekturbilder sind diesen Tapeten eingefügt. Durch die freundliche Vermittlung des Märkischen Museums ist es gelungen, die Vorlagen dieser Wandmalereien festzuhalten: drei Berliner Ansichten, nämlich der Blick von der Hundebrücke (heute Schloßbrücke) nach den Linden, der Blick von den Arkaden auf den Schloßplatz über die Lange Brücke (heute Kurfürstenbrücke) in die Königsstraße und der Platz vor dem Zeughaus sind nach Ölgemälden des Friedrich Meyer aus dem Jahre 1771 hergestellt, die sich jetzt im Neuen Palais zu Potsdam befinden; drei Potsdamer Ansichten aber, nämlich der Marktplatz, das Stadtschloß vom Markt aus gesehen und der Platz am Schloß lehnen sich an die bekannten radierten Prospekte des Jean Rosenberg an, die von 1775 bis 1785 erschienen sind. Die Vorbilder sind im wesentlichen treu wiedergegeben, nur daß bei den Potsdamer Ansichten fast immer einige Teile weggelassen sind. Durchgängig verändert ist aber die Staffage, die auf den Papierbildern viel sparsamer und jünger ist, als auf den Originalen. Wer mag nun der Baumeister gewesen sein, der das Schloß geschaffen? Er muß ein tüchtiger Künstler gewesen sein, da er es verstand, in so glücklicher Weise das Landschloß der umgebenden Natur einzugliedern. Alle Urkunden über den Baumeister fehlen leider, das Stenglinsche Familienbuch kann daher keine Antwort geben. Nach Auskunft des Lübecker Museumsdirektors Professor Schäfer paßt aber das ausgesägte Treppengeländer gut in die Lübecker Formenwelt und auch die Stukkaturen können sehr wohl Lübecker Arbeit gewesen sein. Auch die eigentümlichen Nachahmungen von Gobelins, mit glanzlosen Farben auf grobes Leinen gemalt, finden sich mehrfach in Lübeck, und da die alte mächtige Hansestadt an der Ostsee kaum mehr als 40 Kilometer von Plüschow entfernt ist, so dürfte die Vermutung nicht allzu gewagt sein, daß dort die Künstler des Stenglinschen Schlosses zu suchen wären. Aber auch der Erbprinz scheint in Lübeck seine Künstler gefunden zu haben, denn nach dem gleichen Gewährsmann gibt es ähnliche unglasierte und in Leimfarben mit hellen Tönen bemalte Öfen mit ihrer eigentümlichen Quaderarchitektur, ihrer Giebelbekrönung und vor allem mit ihrem ganz besonderen Empire-Ornament in mehreren Beispielen in Lübeck. Für die brandenburgischen Städtebilder fehlen dort allerdings die Gegenstücke, so daß die Frage nach dem Maler dieses eigenartigen Zimmerschmucks einstweilen unbeantwortet bleiben muß. Es ist ein feines künstlerisches Denkmal aus vergangener Zeit, dies Schloß Plüschow, wohl wert, der Vergessenheit entrissen zu werden. Der Kunstfreund, der Historiker und nicht zuletzt der künstlerische Baumeister, sie alle finden hier viel Anregendes und Schönes, am meisten aber der Freund unserer mecklenburgischen Heimat; denn selten verbindet sich so wie hier alte vornehme Kultur mit wundersam heimatlicher Landschaft. |