Christoph Ebener
GESUNDE BRÄUNE FÜR ALLE, März 1996

SHELTER, 1996

Installation, UV-Bräunungsröhren, Infrarotheizstrahler, Teppich, Sitzfläche, Geländer (Dachfläche von außen abgedeckt)

Früher ging ins Solarium, wer nicht anders konnte. Weil die Sonne zu weit weg und das Konto überzogen war oder die Spuren des letzten Jahresurlaubs so verblasst waren wie das eigene Bild im Spiegel, das lange nicht mehr dem Ideal von Attraktivität entsprach.

Früher waren Solarien oder Sonnenstudios Orte die den Ruf hatten, hauptsächlich von dauergewellten Sekretärinnen und mittelgescheitelten Bankangestellten frequentiert zu werden. Diese Leute begaben sich freiwillig in ein keimfreies Südseeambiente aus weißen Kacheln, Rattansesseln und Plastikpalmen, legten sich nackt auf Cellophan und schwitzten in gleissend hellen Lichtsandwiches dem Ablauf der Zeitschaltuhren entgegen. Aber trotz des amüsiert -verächtlichen Blickes auf diese leicht orangestichige Bräune konnte man sich gegen einen Anflug von Neid nicht wehren, betrachtete die eigene noble Blässe und kam sich plötzlich irgendwie gar nicht gesund vor.

Schuld an diesem Neid ist, wie wir wissen, der Bedeutungswandel des Wertes von gebräunter Haut; In vergangenen Jahrhunderten unvermeidliches Nebenprodukt harter Arbeit an der frischen Luft ist sie seit Beginn des Massentourismus im 20 Jhd. zum Zeichen von Wohlstand und Attraktivität geworden.

Denn wer nach dem Sommerurlaub gebräunt an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, trug das Resultat ausgedehnter Sonnenbäder für alle deutlich sichtbar auf der Haut; Gesundheit , Erholung und eine fast rätselhafte Zufriedenheit. Die Investition in den Pauschalurlaub, die anstrengende Fahrt mit der Familie nach Spanien oder Italien hatten sich rentiert, und solang die Bräune im Gesicht blieb war die Arbeit halb so schwer und die Probleme des Alltags noch nicht in Sicht. Und wer sogar im Winter Bräune trug, demonstrierte Stil und eine höhere Gehaltsklasse, die ihm das Überwinden von Kontinenten und Jahreszeiten erlaubte. Doch es kündigt sich eine Veränderung an.Die Sonne ist nicht mehr unsere Freundin, sie scheint nicht mehr, sie brennt. Hinterhältig ist sie geworden und aggressiv. Zwar sind Parks und Strände noch immer voller „Sonnenanbeter“, die sich genüßlich bis zur Verbrennung 3.Grades der Strahlung aussetzen ,doch steigt jährlichmit dem Lichtschutzfaktor der Sonnencrèmes auch die Zahl der Hautkrebsopfer, rüsten sich Sonnenbadende immer häufiger mit Sonnenschirmen, Sonnenbrillen und UV-dichter Kleidung aus. Das Sonnenbaden ist zum Risikosport geworden, der ohne richtige Vorbereitung und angemessenens Equipment lebensgefährlich sein kann.

Noch scheint es, als ließen sich durch richtige Vor-und Nachsorge, durch kosmetische „Repair-Systeme“ und Sonnenschutzvorrichtungen unterschiedlichster Art die unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen der „Neuen Sonne“ noch kompensieren, als könne alles noch für eine Weile beim Alten bleiben. Aber spätestens wenn die „Burntime“ die 5 Minuten-Marke unterschritten hat, dämmert unweigerlich die Stunde der „Sanften Sonne“, wie ein großer holländischer Leuchtenhersteller die Strahlung seiner Solarien zärtlich bezeichnet.

Früher ging ins Solarium, wer nicht anders konnte. Heute raten Hautärzte prophylaktisch ins Solarium zu gehen, bevor man sich „in die Sonne legt“. Zum Vorglühen sozusagen. Morgen wird es vermutlich keine Solarien mehr geben, sondern öffentliche „Sonnenzonen“ in Einkaufspassagen, Restaurants und überdachten Grünanlagen. Die Leuchtstoffröhren in den Großraumbüros werden durch UV-haltige Leuchtmittel ersetzt, und eine „Biolux-Leuchteinheit“ wird wie selbstverständlich über jedem Küchentisch hängen. Alle für den menschlichen Organismus notwendige Bestandteile des Strahlungsspektrums der Sonne werden in Form von Röhren, Strahlern und Spezialglühbirnen jederzeit abrufbar sein. Die Sonne als Trigger der biologischen Uhr des Menschen wird endgültig ausgedient haben und unabhängig von Tag und Nacht, Sommer und Winter werden die künstlichen Sonnen jedem Menscheneinen Zugang zu gesunder Strahlung ermöglichen. Der Abschied vom geliebtem Tagesgestirn wird zwar ein wenig weh tun, aber nach einiger Zeit werden wir uns an getönte Fensterscheiben und UV- Blocker in Tagescremes gewöhnt haben wie ans Jod im Salz. Es wird uns an nichts fehlen.