Früher ging ins Solarium, wer nicht anders konnte. Weil
die Sonne zu weit weg und das Konto überzogen war oder die
Spuren des letzten Jahresurlaubs so verblasst waren wie das eigene
Bild im Spiegel, das lange nicht mehr dem Ideal von Attraktivität
entsprach.
Früher waren Solarien oder Sonnenstudios Orte die den Ruf
hatten, hauptsächlich von dauergewellten Sekretärinnen
und mittelgescheitelten Bankangestellten frequentiert zu werden.
Diese Leute begaben sich freiwillig in ein keimfreies Südseeambiente
aus weißen Kacheln, Rattansesseln und Plastikpalmen, legten
sich nackt auf Cellophan und schwitzten in gleissend hellen Lichtsandwiches
dem Ablauf der Zeitschaltuhren entgegen. Aber trotz des amüsiert
-verächtlichen Blickes auf diese leicht orangestichige Bräune
konnte man sich gegen einen Anflug von Neid nicht wehren, betrachtete
die eigene noble Blässe und kam sich plötzlich irgendwie
gar nicht gesund vor.
Schuld an diesem Neid ist, wie wir wissen, der Bedeutungswandel
des Wertes von gebräunter Haut; In vergangenen Jahrhunderten
unvermeidliches Nebenprodukt harter Arbeit an der frischen Luft
ist sie seit Beginn des Massentourismus im 20 Jhd. zum Zeichen
von Wohlstand und Attraktivität geworden.
Denn wer nach dem Sommerurlaub gebräunt an seinen Arbeitsplatz
zurückkehrte, trug das Resultat ausgedehnter Sonnenbäder
für alle deutlich sichtbar auf der Haut; Gesundheit , Erholung
und eine fast rätselhafte Zufriedenheit. Die Investition
in den Pauschalurlaub, die anstrengende Fahrt mit der Familie
nach Spanien oder Italien hatten sich rentiert, und solang die
Bräune im Gesicht blieb war die Arbeit halb so schwer und
die Probleme des Alltags noch nicht in Sicht. Und wer sogar im
Winter Bräune trug, demonstrierte Stil und eine höhere
Gehaltsklasse, die ihm das Überwinden von Kontinenten und
Jahreszeiten erlaubte. Doch es kündigt sich eine Veränderung
an.Die Sonne ist nicht mehr unsere Freundin, sie scheint nicht
mehr, sie brennt. Hinterhältig ist sie geworden und aggressiv.
Zwar sind Parks und Strände noch immer voller Sonnenanbeter,
die sich genüßlich bis zur Verbrennung 3.Grades der
Strahlung aussetzen ,doch steigt jährlichmit dem Lichtschutzfaktor
der Sonnencrèmes auch die Zahl der Hautkrebsopfer, rüsten
sich Sonnenbadende immer häufiger mit Sonnenschirmen, Sonnenbrillen
und UV-dichter Kleidung aus. Das Sonnenbaden ist zum Risikosport
geworden, der ohne richtige Vorbereitung und angemessenens Equipment
lebensgefährlich sein kann.
Noch scheint es, als ließen sich durch richtige Vor-und
Nachsorge, durch kosmetische Repair-Systeme und Sonnenschutzvorrichtungen
unterschiedlichster Art die unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen
der Neuen Sonne noch kompensieren, als könne
alles noch für eine Weile beim Alten bleiben. Aber spätestens
wenn die Burntime die 5 Minuten-Marke unterschritten
hat, dämmert unweigerlich die Stunde der Sanften Sonne,
wie ein großer holländischer Leuchtenhersteller die
Strahlung seiner Solarien zärtlich bezeichnet.
Früher ging ins Solarium, wer nicht anders konnte. Heute
raten Hautärzte prophylaktisch ins Solarium zu gehen, bevor
man sich in die Sonne legt. Zum Vorglühen sozusagen.
Morgen wird es vermutlich keine Solarien mehr geben, sondern öffentliche
Sonnenzonen in Einkaufspassagen, Restaurants und überdachten
Grünanlagen. Die Leuchtstoffröhren in den Großraumbüros
werden durch UV-haltige Leuchtmittel ersetzt, und eine Biolux-Leuchteinheit
wird wie selbstverständlich über jedem Küchentisch
hängen. Alle für den menschlichen Organismus notwendige
Bestandteile des Strahlungsspektrums der Sonne werden in Form
von Röhren, Strahlern und Spezialglühbirnen jederzeit
abrufbar sein. Die Sonne als Trigger der biologischen Uhr des
Menschen wird endgültig ausgedient haben und unabhängig
von Tag und Nacht, Sommer und Winter werden die künstlichen
Sonnen jedem Menscheneinen Zugang zu gesunder Strahlung ermöglichen.
Der Abschied vom geliebtem Tagesgestirn wird zwar ein wenig weh
tun, aber nach einiger Zeit werden wir uns an getönte Fensterscheiben
und UV- Blocker in Tagescremes gewöhnt haben wie ans Jod
im Salz. Es wird uns an nichts fehlen.